Ich war einige Tage mit meiner Berliner Familie dort, ausgesucht hatte es meine Familie. Zuerst sollte es nach Dänemark gehen, aber mit zwei Kindern und einem Hund hätte Dänemark einen vorherigen Lottogewinn in vierstelliger Höhe erfordert. Polen ist mindestens genauso schön, aber von normalen Gehältern bezahlbar.
Apple Maps hat uns bei unserer Hotelsuche in zwei Lager geteilt: Das Hotel meiner Familie wurde mir im Osten Kolbergs angezeigt, also habe ich mir dort etwas gesucht. „Etwas“, das war: ein modernes Hotelzimmer im vierten Stock in erster Meer-Linie, Meerblick vom Bett aus (!), top ausgestattet, großer Balkon, RUHE, Fahrradverleih. Meine Familie residierte allerdings 6 Kilometer entfernt im Westen. Ich habe mir ein Rad geliehen, was eine richtig gute Entscheidung war.
Den Wecker habe ich mir auf 6:30 Uhr gestellt. Meine Familie: mein Sohn, meine Schwiegertochter, Hund Emma und zwei Enkeltöchter, die 5 und 3 sind. Mit 5 und 3 steht man früh auf. Ich wollte mit ihnen frühstücken. Daher der Wecker. Also gab’s morgens einen Balkon-Kaffee mit Meerblick, dann eine Radfahrt mit Meerblick, danach einen Familientag mit Meer. (Der Strand: bis zu 100 Meter breit, gesäumt von Dünen und Wald. Die Ostsee hatte zwischen 9 und 11 Grad, was mir nicht klar gewesen war. Ich hatte auf vierzehn Grad getippt und war reingerannt, hätte ich fast geschrieben, aber die Wahrheit ist, dass ich mich zentimeterweise vorwärtsbewegt habe.) Abends ging’s mit dem Rad zurück, und an diesem Abend – an dem das Foto entstand – hatte ich am Hafen Halt gemacht.
Ein Seenotretter versuchte, sich schlingernd zurück in den Hafen zu manövrieren, es waren wohl so sechs oder sieben Beaufort. Ich war auf der Mole unterwegs, als eine vielleicht 80-jährige Polin mich ansprach, natürlich auf Polnisch. Ich verstand kein Wort, auf Deutsch oder Englisch kamen wir auch nicht weiter. Sie kramte schließlich in ihrer Handtasche und zog ihr Handy heraus, gab es mir und deutete auf sich. Dann posierte sie.
Und wie sie posierte. Auch Heidi hätte noch von ihr lernen können. Währenddessen sprach sie ohne Pause. Sie deutete auf den Hafen, auf den Kirchturm, auf den breiten Strand, auf mich, und sie ließ mir immer Zeit für meine Antwort. Ich habe ihr von meiner Familie erzählt, von meinem Hotel und von den Radfahrten, davon, dass sich meine 5-jährige Enkelin bis zum Bauchnabel ins Meer getraut hat und wegen der Kälte quasi blau, aber glücklich wieder rauskam. Sie erzählte mir … ich weiß es nicht. Aber wir haben uns gut unterhalten. Und sie hat ein Foto von mir gemacht.
Mein Sohn hatte gespottet, die alte Polin rege sich vermutlich über die vielen Touristen auf – sie seien überall, im Hafen, in der Kirche, am Strand –, weswegen ich immerhin ein Foto von ihr schießen könne, quasi als Ausgleich für den ständigen Ärger.
Ich habe darüber nachgedacht.